Donnerstag, 3. Dezember 2015

Hallo, wer bloggt denn da? Ulma von Mme Ulma

Über meinem PC hängt eine feine Perlhuhnreihe, die mir aufmunternd ihre Frohheitsgedanken entgegenhält: "Froh zu sein, bedarf es wenig... " So habe ich ihre Erschafferin eigentlich immer vor Augen und somit den Wunsch, die liebe Ulma und ihren feinen Blog Madam Ulma in meiner Reihe hier vorzustellen. 
Ich mag ihre feinsinnige, kunstvoll-sensible Sprache, ihre Lust an ganz besonders fein gestalteten Dingen, die zauberhaft getuschten Zeichnungen, ihren ganz besonderen Blick durch die Kamera und natürlich auch das pfiffige Füchslein, das immer wieder froh und kreativ gewandet durchs Bild springt. 
Ganz sicher heute fröhlichmachend: Hallo liebe Ulma!




1 Erzählst Du uns ein bisschen von Dir? Was machst Du so, wenn Du nicht bloggst?

Mit so einer schwierigen Frage legst du gleich los Im Wesentlichen, würde ich meinen, an einem subjektiv gelingenden Leben zu basteln – im Zusammenbringversuch von dem, was mich froh und zufrieden stimmt, und dem, was mich ernährt. Die klassische Erwerbstätigkeit ist dafür, wie ich mit einiger Verzweiflung einsehen musste, kein für mich gangbarer Weg. Und so habe ich mich daran gemacht, mir selbst ein Potpourri an Tätigkeiten zusammenzustellen, in dem sich beide Aspekte – der Frohsinn und der Lebensunterhalt – in einer guten Balance treffen. Die Zutaten dafür sind zum einen das Netzwerken für das österreichische Bio-Unternehmen Ringana, zum anderen meine künstlerische Arbeit und schließlich das Yogaunterrichten. Die Vielfalt entspricht meiner recht unspezifizierten Veranlagung (was habe ich die lange Zeit verflucht!) und meiner damit einhergenden Unlust an der Monotonie; und zugleich fließt alles ineinander. Das fühlt sich gut und richtig an, ganz besonders auch, weil abseits dessen noch viel, viel Raum für all die anderen Dinge bleibt, die mir wichtig sind, die mein Leben reich und wertvoll machen, sich so, wie ich sie verstehe und betreibe, aber ganz und gar außerhalb des Spektrums ökonomischer Verwertbarkeit bewegen :: Herzensmenschendinge, die sowieso, auch Draußensein in der Natur, Herumwerkeln – vieles davon kann man meinem Blog ablesen. Oder auch Studieren z. B. Seit meinem halben bisherigen Leben studiere ich immer irgendetwas – nach meinem Abschluss in Germanistik und Malerei vor allem um des bloßen Studierens willen. Ich mag das einfach so gern, Leuten zuzuhören, die sich wirklich intensiv mit etwas auseinandersetzen und ganz viel wissen in ihrem Bereich.

 


2 Wie hast Du zum Bloggen gefunden und worüber bloggst Du am liebsten? Spontan oder geplant?

Mit dem Bloggen begonnen habe ich aus purem Spaß an der Freud'; weils mich juckte in den analogieverstrickten Fingerspitzen. Und ich blogge nur über das, worüber ich am liebsten blogge :: Über meine Herzensdinge, über das, was ich mache, mit Kopf und Händen, mit Krähenfüße herbeizwinkernden Augen und die Dünnhäutigkeit frohdankbar betastenden Fingerspitzen, wie ich das einmal formuliert habe, über Fundstücke und über das, was mir schön und wichtig und gut erscheint.
Und wenn mir nicht danach ist, dann blogge ich einfach nicht. Insofern :: völlig ungeplant. Was kommt, kommt. (Aber freuen würde ich mich schon, wenn ich einmal am 12. morgens aufwachen würde, wüsste, dass der 12. ist, und ganz und gar geplant bei »12 von 12« dabei sein könnte. Beispielsweise.)



3 Du lebst in Graz, in der Steiermark, bist dort aber nicht geboren. Wie würdest Du den Begriff Heimat verorten, was bedeutet sie Dir? Könntest Du Dir vorstellen, woanders zu leben?

Heimat ist ein sehr philosophischer Begriff, der mich in ehrfurchtsvoll schweigendes Grübeln geraten lässt. Laut nachgedacht über das, was Zuhause für mich ist, habe einmal bei der Raumfee :: 

Woanders zu leben – das kann ich mir sehr gut vorstellen. Und immer, wenn ich es versucht habe, hat es auch ganz formidabel funktioniert. Dass ich es nicht ständig von Neuem versuche, liegt einzig und allein an einer Bequemlichkeit, die sich immer mehr einschleicht, je länger das letzte Mal zurückliegt. Und vielleicht auch daran, dass ich mittlerweile auch den Komfort des Sich-eingefunden-Habens schätzen kann und nicht mehr nur als ausgelutscht empfinde.


4 Du jonglierst feinsinnig mit Worten und zauberst mit dem Zeichenstift. Wo findest Du Inspirationen für Dein kreatives Schaffen?

Inspirationen hüpfen mich ständig an, allzu gern aus dem Unvermuteten und Alltäglichen heraus. Das Problem ist viel weniger das Finden als das Hinterherkommen.




5 Können Deiner Meinung nach Kunst und Kultur unsere Welt ein Stückchen besser machen? 

Unbedingt!

Vielleicht nicht im Sinne eines operativen, die unmittelbare praktische Wirksamkeit im Auge habenden Kunstbegriffs, aber auf Umwegen. Kunst entfaltet, indem sie spielt mit dem, was ist, eine subversive Kraft, ist in der Lage, Gucklöcher aufzutun, Wahrnehmungs- und Denkräume zu öffnen, Freiräume zu schaffen, ein anderes, auch genaueres Hinsehen zu demonstrieren und so Impulse zu geben für vom Herkömmlichen abweichende Weltsichtmöglichkeiten. Das macht etwas mit einem, wenn man sich darauf einlässt. Manchmal vielleicht auch nur etwas bewusst gar nicht Wahrnehmbares. Aber doch. Und wie der Einzelne ist und denkt und fühlt und handelt, das macht wiederum etwas mit der Welt.



6 Gibt es bestimmte Autoren, die Dir ganz besonders am Herzen liegen, zu deren Werken Du immer wieder greifst? Und – hast Du ein Lieblingsgedicht?

Es gibt so viele gute Worte, Sätze, Werke, Gedanken, mit denen es mich zu tanzen reizt. Und immer wieder sind es andere, ist mir etwas ganz nah und bedeutsam, um dann wieder in den Hintergrund zu treten und anderem, Neuem Platz zu machen – und vielleicht irgendwann wieder unverhofft an die Oberfläche zu steigen. Je nachdem was mich umtreibt und wie mir gerade zumute ist, passt dies oder das. So verhält es sich auch mit Gedichten.




7 Dir liegt das unkonventionelle Denken. In welchen Momenten schwimmst Du gern gegen den Strom? Was motiviert Dich dabei?

Über meinem Arbeitstisch hängt eine Postkarte mit dem Konterfei Michel Foucaults und dem Zitat »Ich denke gern«. Mit vielleicht 15, 16 Jahren hat mich irgendwann die Erkenntnis getroffen, dass mir nie langweilig sein würde, weil ich immer denken kann. Und ich tue es gerne. Denkmuster nachzuzeichnen ist mir dabei schlichtweg zu fad. Lieber entwickle ich meine eigenen. Ich glaube, jeder, der diese Freude am Denken kennt, der gern denkt, aufrichtig und genau, der denkt beinahe automatisch über die Ränder des Konventionellen hinaus und verlässt dessen Rahmen. Denn Konventionen sind als Übereinkünfte der Mehrheit für mich kaum anders lesbar denn als Knospen einer bequemen Denkungenauigkeit oder eine denkungenauen Bequemlichkeit und mir daher grundsätzlich suspekt. So betrachtet ist der Motor dahinter wohl die pure Lust am Denken.
Die Art und Weise, wie dieses Denken stattfindet, trägt natürlich das Ihre zum Ergebnis bei. Ich habe die unpraktische Eigenschaft, meistens mehrere Dinge gleichzeitig zu denken. Das verleitet zum unerwarteten Abbiegen. Diese Herumhüpferei äußert sich mitunter auch kommunikativ, was für mein Umfeld beizeiten ziemlich anstrengend sein kann. (Ich bitte hiermit um Verzeihung.) Sich plötzlich auftuenden Querverbindungen zu folgen oder auch sie bewusst herzustellen – also das zu tun, was mit Querdenken wohl ganz simpel gemeint ist – das ist aber in erster Linie sehr fruchtbar; und ich verorte darin auch einen umstürzlerischen Keim. Wie in allem, das der Konvention zuwiderläuft. Das gefällt mir. Sehr. Diese meine Zuneigung zum Nonkonformistischen halte ich im Übrigen wie auch die mir eigene sonderbare Art des Denkens für eine Art Geburtsfehler, der wohl auch in meinem Erbliniennetz einfach da ist.

Kürzlich habe ich ein Buch durchgeblättert, das meinem Vater und seinem Bruder gehörte, als sie Kinder waren. »Der Raunzkalender« heißt es. Eine Handvoll Untugenden wird da in Versen schwarzpädagogisch moralisierend angekreidet und zu jeder dieser Ungehörigkeiten gibt es eine Tabelle mit Raum für Markierungen, für jedes Mal »unartig sein« ein Strich. Das mich so froh Stimmende :: Jede dieser Tabellen enthält in jedem einzelnen Feld einen Bleistiftstrich und darunter steht jeweils der Name meines Onkels. Ob er selbst die Tabellen ausgefüllt hat, frohlockend über seine Widerborstigkeit, oder ob mein Vater es war, um seinem Bruder so tückisch eins auszuwischen – ich weiß es nicht. Aber es läuft immer auf etwas Widerständiges hinaus, nur in unterschiedlichen Ausprägungsgraden. 

Da ist sie wohl irgendwie verwurzelt, meine Skepsis am Konformistischen. Sie zu hegen und zu pflegen, ergibt sich gleichsam von selbst, nicht zuletzt weil ich Konventionen oft als unheimlich einschränkend empfinde. Die ständigen Begegnungen in allen Bereichen mit einem sturen Dasgehtabernurso könnten mich verrückt machen. Unabdingbar weckt das meine Widerstandslust, denn ich bin überzeugt :: Das geht sehr wohl auch anders und vermutlich sogar besser. Aber man muss sich überlegen, wie, und wenn eine Möglichkeit erahnbar wird, auch wagen, aus dem Schema zu hüpfen. Das ist oft genug überhaupt nicht angenehm, weil das Außerhalb zuweilen schlichtweg ein anstrengender Aufenthaltsraum ist. Da gibt es viel Gegenwind – umso mehr je intersubjektiv wichtiger der betroffene Bereich ist und je festgefahrener die zugehörige Konvention (richtig richtig mühsam wirds in Fragen der Lebensgestaltung ...). Dafür ist es im Gegenzug hundertmal spannender dort; und insbesondere auch Zuversicht stiftend.
Was nun alles nicht bedeuten soll, dass mich der Strom nicht oft genug auch einfach mitspült und ich mich achselzuckend darin treiben lasse. Grundsätzlich aber habe ich eine große Affinität zum Unbequemen, auf jeden Fall.



8 Wenn man Deinem Werk glauben darf, bist du vertraut mit Perlhuhn, Hase und Tapir. Ist das eine eher künstlerische Nähe zur Tierwelt oder fühlst Du eine vertrauensvolle Zuneigung zu Tieren (sind Dir gar manche suspekt?)

Manche? Alle. Völlig. Die Nähe zur Tierwelt ist eine durch und durch ausschließlich zeichnerische.
Tiere üben eine unheimliche Faszination auf mich aus. Aber die ist rein berührungsloser Natur, immer nur aus der Distanz. (Wenn ich nur an unsere eher unlustigeren Begegnungen mit Kühen beim Wandern diesen Sommer denke und dann zeichne ich für 2016 ausgerechnet einen Kuhkalender! Ha, das haben sie jetzt davon!)



9  Bei welchen Blogs klopfst Du regelmäßig an die „Tür“?    

Aus dem großen Topf ein paar herauszupicken – das möchte ich überhaupt nicht tun. Grundsätzlich mag ich es, wenn mir die Person dahinter spannend erscheint; feinnervig, gescheit, mit Witz, einer Prise Poesie und einer Ästhetik, mit der die meine eine fruchtbare Kommunikation aufnehmen kann. Womit ich mir schwer tue, ist pure Gefälligkeit, wenn alles schön und glatt und kantenlos ist; aber auch mit der zur Schau getragenen Befindlichkeit und der exzessiv ausgestellten Rebellion. Ich mag das nicht so ordentlich in Schubladen Sortierbare, bedacht dosiert Sperrige.



10 Wenn keiner hinsieht, dann

  macht manches weniger Spaß. Und manches auch mehr.

11 Bloggerfrage von Svea (Swig):

Erzählst Du uns Deinen Lieblingswitz?

Ich bin eine miserable Witze-im-Gedächtnis-Behalterin und ein noch miserablere Witzeerzählerin. Was möglicherweise daran liegt, dass die meisten Witze nur kurz zwischen rechtem und linkem Ohr verweilen, weil ich im Grunde überhaupt nur eine Sorte von Witzen mag und lustig finde; solche, die Bilder im Kopf wachsen lassen, die mich ihrerseits zum Lachen bringen – nämlich z. B. ::
Was ist rosarot und schwimmt im Wasser? – Eine Meerjungsau.




12 Welche Frage würdest Du gerne der nächsten Bloggerin, die auf meinem Blog vorgestellt wird, weitergeben?

Welchen für dich essenziellen Gegenstand hast du in mehrfacher Ausführung immer zur Verfügung, ohne dir ihn jemals selbst gekauft zu haben? (Gummiringerl und Kugelschreiber gelten nicht, hehe.)




Herzlichen Dank, liebe Ulma, dass Du so erfrischend in Wort und Bild hier zu Gast warst.    











Kommentare:

  1. Liebe Andrea, was für ein feines Interview... Ich muss das noch mal lesen kommen... Ulma und ich gehören ja verschiedenen Generationen an, aber ich entdecke so viel "Verwandtes"... Lieben Gruß Ghislana

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  2. Ich danke für den Witz, und den Rest!
    Euch beiden. Liebe Grüße!

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  3. unsere ulma, das ist schon so eine...

    danke für den tiefen blick!

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  4. Gewissermaßen ein Solitär im Bloggerland...
    Danke für diese Vorstellung!
    Astrid

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  5. Es gibt Menschen, die mag ich immer lieber, je mehr ich von ihnen erfahre.
    Danke dass Du teilst, ulma, und danke für's Hervorkitzeln, Andrea!

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  6. Danke Andrea für dieses spannende Interview und danke Ulma für Deine spannenden Antworten, die uns Dich und Deinen feinen Blog noch näher bringen. Gruß von jemandem, der gerne, viel und im zickzack denkt und es so gerne so wundervoll ausdrücken könnte wie Madame U.
    Liebe Grüsse,
    Claudine

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  7. Fein zu lesen, dank an Euch!
    VG Karen

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  8. ...beeindruckt und wortlos ob dieser Wortgewandheit bleibe ich zurück,

    Birgitt

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  9. Fein und zart purzeln die Worte von Ulma immer über meinen Bildschirm.. ich mag das sehr.. und es ist mir immer ein Vergnügen, sie zu genießen.. habt' Dank Ihr 2 für dieses hübsche Interview! Liebe Grüße, Nicole

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  10. Ulma und ich haben mindestens eine Gemeinsamkeit...zumindest schon mal die Sache mit dem "12 von 12"...;-))). Danke für das Interview. LG Lotta.

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  11. hab dank, liebe andrea. habt dank, ihr lieben alle.

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  12. "inspirationen hüpfen mich ständig an". für solche sätze liebe ich ulma! und für vieles andere natürlich auch. für die wunderbaren fotos von stille und ruhe, von milder farbigkeit, von soanderssein und mirdochsonah.
    liebe grüße an euch beide!
    mano

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  13. Was hab ich mich auf dieses Interview gefreut! Ich hab - obwohls mich beim Erscheinen gleich gejuckt hat - mir extra Zeit gelassen bis Zeit ist. Mme Ulmas Worte schaffe es so gut Bilder im Kopf entstehn zu lassen - dafür leibe ich deinen Blog.
    Liebe Grüße an euch beide!

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  14. Oh wie schön mehr von Ulma zu erfahren, vielen Dank für dieses Interview!

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